Im Literatur-Fluss präsentieren wir Fundstücke aus literarischen Werke zur Oder, zum Leben am Fluss, zum Fluss als landmark, Orientierungspunkt, Erfahrungsort. Wir werden sehen, was Fluss alles sein kann, wenn er auftaucht im Erzählten.
“Das Vorkommnis” von Julia Schoch hat mich beschäftigt. Es ist ein Stück autofiktionaler Literatur, das in der Prägnanz und Dichte der Reflektion hervorsticht. Es ist ein Buch über Muttersein im Geflecht transgenerationaler Mutterschaften. Es ist ein Buch über die Fragilität von Wahrheit und Vertrauen. Ein Buch über relatives Erinnern.
Trotz seiner Kühle, Distanziertheit und intensiven analytischen Innenwendung erzeugt “das Vorkommnis” einen Sog, der das Lesen auch am Abend genau eines solchen Alltags mit Kindern und kreativer Arbeit, wie Julia Schoch ihn beschreibt, möglich, fast unabdingbar macht.
Die Oder taucht nun überraschend auf. Die Ich-Erzählerin hat in der Nähe des Flusses einen Teil ihrer Kindheit verbracht. Und die Kindheit wird freigelegt im Laufe der Erzählung, die eine Erkundung dessen ist, was die schlichte Aussage einer bislang unbekannten Person mit einer Frau und ihrer Biografie macht: “Wir haben übrigens denselben Vater.”
“Sie war in G. aufgewachsen, wo das kinderlose Paar, das sie adoptiert hatte, lebte. Einer Stadt, die ungefähr 150 Kilometer südlich von Berlin liegt und in der ich nie gewesen bin. Einer Grenzstadt zu Polen. Auf diesen Hinweis, den ich mir selbst gab, legte ich allergrößten Wert: Schließlich war auch ich an der polnischen Grenze aufgewachsen, in einer Gegend, die ungefähr 150 Kilometer nördlich von Berlin liegt.
Südlich und nördlich. Eine perfekte Spiegelung. Als Kinder waren wir derselben geographischen Seite zugewandt gewesen, hatten womöglich in einer ähnlichen Atmosphäre gelebt. Sie musste genau wie ich gespürt haben, was das hieß, ein Leben am Rand, in einer Gegend, in die Neuigkeiten, Bilder und Gerüchte nur schlecht hinkamen. Selbst der Empfang im Radio machte einem klar, dass die Musik woanders spielte. Bestimmt hatte auch sie nach der Schule oft in einer stillen, aufgeräumten Küche gesessen, vor sich eine Kanne mit Malzkaffee, in Gedanken an das, was unerreichbar war, und hatte es genau wie ich als selbstverständlich hingenommen, dass ein paar Kilometer weiter Schluss war, Endstation. Man kannte die wenigen Leute, die bis zur Wendeschleife im Bus fuhren. Die Landesgrenze zu Polen war damals keine durchlässige. Die Gegend war, wie man sich als Kind das Ende der Welt vorstellt. Ein Raum abseits von allem, der zugleich ein geschützter war, fern von jeder Verheißung, fern von jeder Gefahr, in dem die Sehnsucht genauso eingefroren war wie die Zeit.
Süd und Nord. Ost und West, Solche Achsen, Spiegelungen und zufälligen Umstände bildeten in meiner Wahrnehmung mit einem Mal ein magisches Gewebe.”
JULIA SCHOCH, DAS VORKOMMNIS, dtv Verlagsgesellschaft 2025, S. 130-131.



