THE WAR PRESENT – Die Spuren eines zukünftigen Krieges

Aktuell Krieg spielen. “Wiesel”, “Husky”, “Leopard” und “Keiler” zum Nachbauen in der Berliner Alexa-Mall.

Der Lego-Konkurrent “Blue Brixx” hat aktuelle Militärfahrzeuge der Bundeswehr im Sortiment (Foto AK)

In Thailand 2010 Panzer auf einen Kinderkarrussell, in China 2015 Sammelhefte mit glitzernden Panzer-Aufklebern, in Syrien 2009 Soldatenuniformen für Kinder. Auf meinen Reisen habe ich immer wieder Kriegsspielzeug gesehen. Die Bilder sind hängengeblieben. Ein Mädchen in Chiang Mai lacht seinen Eltern entgegen bei jeder neuen Runde, die es auf dem Kampffahrzeug dreht. Der Stahl des Panzers in Airbrush gesprüht, die Ecken abgerundet, fast niedlich. Der Sohn eines Nachbarn in Damaskus marschiert strahlend in Tarnfleck, die Schulterkordel baumelt im Takt. Das war 2006. Gerade war der sehr alte und doch nie sterbende Krieg zwischen Libanon und Israel wieder aufgeflammt. Und ich begriff ganz praktisch, wie Kampf und Gewalt in der Erziehung einer ganzen Region verankert sind.

Kinderbekleidungsgeschäft in Damaskus 2009 (Foto AK)

In Deutschland kannte ich bislang nur historisches Kriegsspielzeug. Aus der DDR wird es im Museum “Utopie und Alltag” in Eisenhüttenstadt gezeigt. Da wirkt es harmlos, so aus Holz und skurril mit dem Grafikcharme der DDR. In seiner Videoarbeit “Hochdruckversuch/Tiefbohrung” (2000/2025) berichtet Sven Johne von seinen militärischen Übungen in der Schule. Mit Granatenatrappen. Schön weit geworfen habe er. Aber nicht weit genug. Leider wäre er nun tot. Was musealisiert harmlos erscheint, hat Kindern versehrt. Innerlich.

Vitrine “Erziehung zum Staatsbürger” in der Dauerausstellung des Museum Utopie und Alltag, Eisenhüttenstadt (Foto AK)
Vitrine “Erziehung zum Staatsbürger” in der Dauerausstellung des Museum Utopie und Alltag, Eisenhüttenstadt (Foto AK)

Davor gab es den Krieg zum spielen in der Zeit des Nationalsozialismus. Meine Großmutter hatte die Zinnsoldaten meines Vaters aufbewahrt, wohl weil sie eines von wenigen Spielzeugen überhaupt gewesen waren. Neben einer Holzeisenbahn mit Wagen dritter Klasse. Als ich sie vor wenigen Jahre das erste Mal sah, hatte das Material seinen eigenen Kommentar zur Bewaffnung abgegegeben.

Ausschnitt aus der Arbeit “Hände hoch”, Alina Kokoschka 2025

Was finde ich nun so beunruhigend? Dass ich derartiges Spielzeug bislang nur in Ländern gesehen hatte, die auf dem Demokratieindex jenseits der 100 zu finden sind? Dass deutsches Kriegsspielzeug bislang Epochen der deutschen Geschichte zuzuordnen war, die nicht als freiheitlich zu bezeichnen sind? Epochen, die Kinder gedrillt, gequält und verheizt haben?

Eine Frage, die zu stellen ist, lautet: Wo verläuft die Grenze zwischen dem Set “Guillotine” des Klemmbausteine-Herstellers “Blue Brixx” und den genannten real existierenden und aktuell tötenden Panzern? Gibt es überhaupt eine Grenze zwischen “Star Wars” Geschossen aus Klemmbausteinen, selbstgebastelten Holzgewehren und Spielzeugen, die aktuelle Kriege perfekt nachspielen lassen? Ist es das Abstraktionslevel? Dass gespielte Gewalt und gespielter Kampf – auch mit echter Gewalt und echtem Kampf – notwendiger Teil der kindlichen Entwicklung saind, teile ich. Meine Kinder tragen stolz die alten Holzgewehre herum, die der Opa für den Vater gebaut hat. Sie sagen “pjuuu pjuuu” wenn sie schießen. Es bleibt aber abstrakt und soll es auch.

Wer jedoch aktuell in Kampfhandlungen verwendete Militaria zum Spielen verwendet, der spielt den aktuellen Krieg nach und übt den zukünftigen ein. Kein Ausagieren sondern Antrainieren ­- ist es das? Die Firma “Blue Brixx” bietet auch historische Panzer an. Auf den Packungen sind Soldaten zu sehen. Die Fahrzeuge des Jetzt sind bereinigt von Menschen, die töten und sterben können. Keine Menschen auf den Kartons.